Erstens. Im Juni 1987 wussten alle Kinder im Dorf, dass abends im Fernsehen ein Film namens Emanuelle kommen würde. Glücklich all jene, deren Eltern an dem Abend nicht zu Hause sein würden, und ich gehörte zu den Glücklichen. Ich erinnere mich, wie Sylvia Kristel auf dem Bildschirm erschien, sie war im Badezimmer, das Licht schien sanft, und ich fühlte mich wie in einem süßen Traum. Später war ihr Busen entblößt, und sie wiegte sich leise in einem Korbstuhl. Leider fürchtete ich, dass meine Eltern mittendrin nach Hause kommen könnten, weshalb mein Bruder und ich vereinbart hatten, abwechselnd im Hof Wache zu stehen. Die Hälfte des Films habe ich also verpasst. Vereinzelte Bilder blieben mir trotzdem im Gedächtnis haften, und es wäre nicht gelogen, zu sagen, dass mein Leben sich verändert hat; seit jenem Abend stiefelte ich unerschütterlich in Richtung Erwachsensein. Selbst heute noch ertappe ich mich mitunter dabei, wie ich überlege, wo Sylvia jetzt sein mag und wie es ihr geht, ob es ihr gut oder schlecht ergangen ist im Leben.
Zweitens. Im Juni 1994 bin ich nach Warschau geflogen und von dort mit dem Nachtzug nach Krakau gereist. Ein paar Monate zuvor hatte ich Kieśloswkis Film Die zwei Leben der Veronika gesehen und beschlossen, mich auf die Suche nach Veronika zu machen. In Krakau lief ich ein paar Tage lang auf dem alten Marktplatz auf und ab, doch Veronika war nicht da, sie war bereits fort. Daraufhin setzte ich mich hin, begann zu schreiben, und seitdem habe ich beinahe jeden Tag geschrieben, seit fünfzehn Jahren. Als ich Jahre später erfuhrt, dass Irène Jacob, die die Veronika gespielt hatte, ihren neuen Film in Finnland drehen würde, überlegte ich, ob ich mich erneut auf die Suche begeben sollte. Das habe ich schließlich nicht getan, denn sie würde nicht mehr dieselbe sein, dachte ich, und ich wollte sie mir so bewahren, wie ich sie in Erinnerung hatte.
Drittens. Im Frühjahr 2007 las ich in der Zeitung, dass die ehemalige RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt nach fünfunzwanzig Jahren Haft entlassen wird. In der Zeitung war das Foto einer jungen Frau mit langen, blonden Haaren abgedruckt. Damals hatte Mohnhaupt an der gleichen Universität in München studiert wie fünfundzwanzig Jahre zuvor Sophie Scholl, die Widerstandskämpferin der Weißen Rose. Es gab ein zweites Foto, ein unversehrtes Auto, vor diesem Leichen auf der Straße. Als ich die beiden Fotos betrachtete, gelang es mir kaum, sie zueinander in Beziehung zu setzen, und gleichzeitig überkam mich tiefe Trauer. Ich dachte darüber nach, dass die Frau einmal jung gewesen war, ein normales Leben gelebt, sich auf der Straße bewegt hatte wie alle anderen. Jetzt lasteten die Jahre der Gefangenschaft auf ihr, und die Welt, aus der sie einst gekommen war, existierte nicht mehr. Der Gedanke quälte mich in einem Ausmaß, dass ich über das Thema einen Roman mit dem Titel Schneetagebuch schrieb. In dem Buch wird Brigitte Mohnhaupt zu Sigrid Eisenberg, und der Erzähler des Romans begibt sich auf ihre Spuren. Ich denke immer noch darüber nach, wo die reale Brigitte Mohnhaupt wohnt und wer sie in Wirklichkeit ist. Vielleicht ist sie in ihre alte Studienstadt München zurückgekehrt, vielleicht ist sie mir auf der Straße entgegengekommen, vielleicht erkennt man sie heute nicht mehr wieder. Möglicherweise wohnt sie gleich nebenan. Aber was macht sie, wenn sie morgens aufwacht und aus dem Fenster schaut? Was sieht sie? Und was würde sie lieber nicht sehen?
Aus dem Finnischen von Meike Frese


